Das britische Online Safety Act wurde 2023 verabschiedet und gibt der Regierung weitreichende Macht, Online-Inhalte danach zu regulieren, was sie für „kindgerecht“ hält. Im Juli 2025 wurde das Ganze nun endlich umgesetzt. Seitdem müssen Websites, deren Inhalte als ungeeignet gelten, das Alter von Nutzerinnen und Nutzern aus Grossbritannien überprüfen – entweder indem du dich aktiv verifizierst oder indem sogenannte Alters-Schätzungstechnologien eingesetzt werden, bevor dir die Inhalte angezeigt werden.
Kinder zu schützen ist an sich ein nobles Ziel. Aber dieses Gesetz bringt eine ganze Reihe massiver Probleme mit sich. Technisch gibt es unzählige Schlupflöcher, um Alterschecks zu umgehen. Gleichzeitig ist es ein echtes Sicherheitsrisiko, sensible Daten an Drittanbieter weiterzugeben. Und dann wären da noch die Sorgen rund um Zensur und den wachsenden Nanny-Staat: Heute fängt es mit dem Schutz von Kindern an – aber was kommt als Nächstes?

Hintergrund: Was ist die digitale Altersverifikation in Grossbritannien?
Damit Kinder vor bestimmten Inhalten „geschützt“ werden können, müssen diese Inhalte erst einmal definiert und dann hinter Altersbarrieren versteckt werden. Altersbeschränkt sind unter anderem pornografische Inhalte sowie Inhalte, die Essstörungen, Selbstverletzung oder Suizid fördern oder erklären. Weitere priorisierte Inhalte sind unter anderem Hassrede, Gewalt, Verletzungen oder die Verherrlichung schädlicher Substanzen.
Die Idee dahinter ist nicht neu. Sie tauchte erstmals 2017 im Digital Economy Act auf, wurde nach jahrelangen Verzögerungen wieder fallen gelassen und schließlich im Online Safety Act recycelt.
Websites können verschiedene Methoden nutzen, um dein Alter zu prüfen, zum Beispiel:
• Gesichtsbasierte Altersschätzung: Ein Foto oder Video deines Gesichts wird analysiert
• Open Banking: Du erlaubst dem Verifizierungsdienst, Altersinfos aus deinen Bankdaten abzurufen
• Kreditkarten-Check: Du gibst deine Kreditkartendaten an (Kreditkarten gibt es nur ab 18)
• E-Mail-basierte Altersschätzung: Dienste analysieren, wofür deine E-Mail-Adresse genutzt wurde (z. B. Banken oder Energieversorger)
• Ausweisabgleich: Du lädst ein Foto deines Ausweises plus ein Selfie hoch
(Quelle: Ofcom)
Websites, die sich nicht daran halten, können in Grossbritannien gesperrt werden. Viele kleinere Seiten haben deshalb gleich ganz dichtgemacht oder britische Nutzer ausgesperrt, um keine massiven Strafen zu riskieren – die neuen Regeln sind nämlich vage, kompliziert und teuer umzusetzen.
Die Comedy der Compliance
Wie viele Menschen hält dieses Gesetz wirklich davon ab, an die Inhalte zu kommen, die sie sehen wollen? Die kurze Antwort: kaum jemanden. VPN-Apps sind seit Inkrafttreten des Gesetzes ganz oben in den App-Store-Charts gelandet. Mit ihnen kannst du deine Herkunft verschleiern und so tun, als wärst du in einem anderen Land (Quelle: BBC). Altersverifikation? In Sekunden umgangen.

In den ersten Tagen nach dem Rollout haben Nutzer reihenweise absurde Umgehungsmethoden entdeckt. Auf manchen Seiten reichte ein Videospiel wie Death Stranding, um durch Video-Selfie-Prüfungen zu kommen. Auf anderen funktionierten KI-generierte Ausweise problemlos. Klar, die Technik wird weiterentwickelt und Schlupflöcher werden geschlossen. Aber der Wille, neue zu finden, wird immer schneller sein. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Internetnutzer haben schon immer Restriktionen umgangen. Wer mit unbegrenztem Zugang zu Informationen aufwächst, gibt das nicht kampflos wieder her.
Die echten Risiken: Sensible Daten in fremden Händen
Es geht aber nicht nur um Freiheit. Viele Menschen haben ganz reale Sorgen wegen der neuen Regeln. Altersverifikation wird fast immer an Drittanbieter ausgelagert. Das heisst: Du bist gezwungen, hochsensible persönliche Daten an Firmen weiterzugeben, von denen du oft noch nie gehört hast.
Wer steckt dahinter? Wie sicher sind deren Systeme? Was passiert mit deinen Daten – heute und in Zukunft?
Ein paar Beispiele von Firmen, die aktuell eingesetzt werden:
• AU10TIX – die israelische Firma, die für X (ehemals Twitter) Altersschätzungen per Selfie macht, hat Verbindungen zum Geheimdienst Shin Bet. Ihre Datenschutzrichtlinie erlaubt Datennutzung unter dem schwammigen Begriff „legitime Interessen“. 2024 gab es dort ein grosses Datenleck.
• Kids Web Services – genutzt von Bluesky, gehört zu Epic Games (Fortnite). Epic hatte 2016 und 2019 schwere Datenpannen und wurde 2022 wegen Manipulation von Nutzern und Verletzung von Kinder-Datenschutzgesetzen verurteilt. Und genau diese Firma soll jetzt Kinder schützen?
• Persona Identities Inc – für Reddit im Einsatz, finanziert von Peter Thiels Investmentfirma. Thiels Firma Palantir ist bekannt für enge Beziehungen zu US-Überwachungsprogrammen. Persona selbst wurde verklagt, weil sie biometrische Daten gespeichert und Selfies zum KI-Training genutzt haben soll.
Quelle: ByLine Times
Die Regierung betont zwar, dass sich alle Anbieter an britische Datenschutzgesetze halten müssen. Aber: Es gibt keine Pflicht, zertifizierte oder vertrauenswürdige Anbieter zu wählen. Es gibt nicht einmal ein offizielles Register zugelassener Dienste. Als Nutzer tappst du also komplett im Dunkeln.

Kollateralschaden: Zensur weit über „Erwachseneninhalt“ hinaus
Das vielleicht grösste Problem solcher Gesetze: Unternehmen wollen vor allem eines – hohe Strafen vermeiden. Also zensieren sie lieber zu viel als zu wenig.
Die Folge: Inhalte von politischen Nachrichten bis zu Gesundheitsinformationen landen hinter Altersbarrieren. Auf Reddit wurden unter anderem Subreddits wie r/periods, r/stopsmoking oder r/UkraineWarFootage blockiert – ebenso LGBT-Themen und Inhalte zu sexueller Gesundheit. Auf X berichten Nutzer von ähnlichen Sperren. Selbst Wikipedia-Seiten zu „sensiblen“ Themen wurden blockiert.
Das bedeutet: Wichtige Informationen werden unzugänglich – für Erwachsene genauso wie für Jugendliche. Nur weil jemand unter 18 ist, heißt das nicht, dass er oder sie keine sexuelle Gewalt erlebt. Aber genau die Ressourcen, die nach so etwas helfen könnten, sind nun gesperrt.
Freier Zugang zu Information und zu Communities mit Gleichgesinnten ist eines der größten Versprechen des Internets. Und oft brauchen genau die verletzlichsten Menschen diesen Zugang am dringendsten. Für LGBT-Jugendliche in konservativen Umfeldern kann das Internet lebenswichtig sein. Junge Menschen mit Suchtproblemen finden dort Hilfe, wenn ihre Familien versagen. Kindern Informationen zu Sexualität, Einvernehmen und Sicherheit vorzuenthalten schützt sie nicht – es macht sie verwundbarer.

Die Demokratie des Internets steht auf dem Spiel
Solche Gesetze sind teuer und aufwendig umzusetzen. Grosse Konzerne wie Meta oder X können sich das leisten. Kleine Websites nicht. Unabhängige Foren zu Themen wie Elternschaft, Umwelt oder Selbsthilfe schliessen lieber ganz, weil sie weder die Ressourcen noch das Personal haben, um den Anforderungen gerecht zu werden.
Zensur betrifft also nicht nur Inhalte, sondern auch, wer Inhalte anbietet. Die Gesetze bevorzugen Tech-Giganten und lassen kleine, unabhängige Communities sterben. Wenn wir nicht wollen, dass das gesamte Internet von ein paar Milliardären kontrolliert wird, müssen wir solche Regulierungen stoppen, bevor sie sich weiter ausbreiten.
Der Online Safety Act verkauft sich als Schutz für Kinder und Gesellschaft. In Wirklichkeit ist er ein Beispiel für staatliche Zensur und den schleichenden Verlust von Freiheit und Demokratie im Netz. Nutzer werden gedrängt, ihre persönlichen Daten an dubiose Drittanbieter abzugeben. Gleichzeitig führt Überzensur dazu, dass wichtige Informationen für alle Altersgruppen verschwinden.
Und am Ende zeigt sich: Verbote funktionieren nicht. So wie Jugendliche schon immer Wege gefunden haben, an Alkohol zu kommen, werden sie auch Internet-Sperren umgehen. Die jüngsten Generationen kennen sich im Netz besser aus als viele Politiker, die diese Gesetze beschließen.
Die Kids finden neue Wege. Der Staat rennt hinterher. Und man fragt sich unweigerlich: Hat Großbritannien wirklich nichts Wichtigeres, wofür es seine Ressourcen einsetzen könnte? Und wenn dem Staat der Kinderschutz wichtig ist sollte er damit in der wirklichen Welt anfangen, in Rotherham zum Beispiel.
Quellen:
https://www.bbc.com/news/articles/cj3l0e4vr0ko
